COVID-19: Es ist nicht alles gut gegangen

Der Psychopharmaka-Boom und der stumme Schrei des entmenschlichten Menschen

Messaggio urna san Siro Pavia

Image by Giacomo Bertoni for iFamNews

„Bring mir Glück.“ Das hat jemand auf ein kleines Stück Papier geschrieben und es auf die kristallene Urne, die die Überreste des heiligen Syrus in der Kathedrale von Pavia enthält, gelegt. Es ist mehr als nur ein Gebet, unterzeichnet von einem gewissen Vittorio: Es ist das Abbild wachsenden Unbehagens. Denn die ersten Monate des Jahres 2020 waren keine gewöhnlichen Monate. Der Lockdown ist zwar vorbei, doch die soziale Isolation hält für viele weiterhin an. Daher sind die Warnrufe, die aus den Reihen des römischen Apothekerverbandes erklingen, kaum verwunderlich: Seit März ist ein Anstieg im Verkauf von Psychopharmaka und Präparaten gegen Angst und Schlaflosigkeit zu verzeichnen, welche – nebenbei bemerkt – in der Apotheke unübersehbar gleich neben Atemschutzmasken und Hand-Desinfektionsmitteln platziert sind.

Gute-Nacht-Tabletten

Melatonin, Baldrian, Goldmohn, Passionsblume, Jujube, Johanniskraut: Produkte, die sich immer öfter auch in den Supermarktregalen in der Gesundheitsabteilung breitmachen. Entsprechend findet man in Apotheken verschiedene Schlaf- und Beruhigungsmittel wie Zolpidem und Zopiclon, Benzodiazepin-Anxiolytika wie Diazepam, Alprazolam, Lorazepam – eher bekannt unter den Bezeichnungen Valium, Xanax und Tavor. In den ersten vier Monaten des Jahres 2020 stiegen die Verkaufszahlen von Arzneimitteln im Vergleich zum Vorjahr um 220 Prozent. Doch der Anstieg ist nicht nur Atemschutzmasken, Paracetamol und Vitamin C zu verdanken. „Ich möchte etwas, um besser schlafen zu können“, diesen Satz hören die Apotheker seit Beginn der Pandemie immer häufiger.

Man geht nur einmal pro Woche zum Einkaufen aus dem Haus, sieht Freunde und Familie nur per Videoanruf, arbeitet im Homeoffice oder ist gezwungen, Resturlaub abzubauen: Dadurch gerät der Schlaf-Wach-Rhythmus ziemlich schnell durcheinander. Während die Allgemeinheit ihre Aufmerksamkeit auf die Gesundheitskrise richtete, blieb offenbar keine Zeit, über die gesellschaftliche Krise nachzudenken. Doch das aktuelle Schweigen zum Thema ist unbegreiflich.

Die Isolation geht weiter

Der Lockdown ist vorbei, und doch ist nichts mehr wie zuvor. So berichten viele Allgemeinmediziner von Patienten, die weiterhin über Angst und Beklemmung klagen, und zwar telefonisch, da sie Angst haben die Praxis aufzusuchen. Sicherlich begegnet man Dreistigkeit, Oberflächlichkeit und Arroganz: schon immer haben Menschen derart auf Leid und Schmerz reagiert. Doch herrscht vielerseits auch Angst; eine Angst, die nicht durch die CoViD-19-Fallzahlen begründet ist, denn glücklicherweise ist in den vergangenen Monaten die Zahl der Krankenhauseinweisungen stark zurückgegangen.

In Coronavirus-Updates wird täglich, oft ohne Einbeziehung anderer Daten wie Anzahl der durchgeführten Tests und Schwere der Symptome, von Neuinfektionen berichtet. Dabei trifft es nicht die wenigen Fieslinge, die ihre Augen vor den mehr als 35.000 Todesfällen in Italien verschließen. Nein, es trifft die Schwächsten: ältere Menschen, die aus Angst immer noch niemanden in die Wohnung lassen, nicht einmal die eigenen Enkelkinder; oder Menschen in Pflegeheimen, die seit Monaten kein bekanntes Gesicht mehr gesehen haben; oder Obdachlose. Wie viele Caritas-Suppenküchen und Pfarreien sind nach wie vor geschlossen? Seit Monaten werden die Mahlzeiten nur durch ein Fenster gereicht. Anonyme Gesichter hinter einer Maske verteilen sorgfältig zubereitete Essensrationen an eine wirre und endlos lange Schlange von Menschen, deren Gesichter und Namen in der anonymen Masse immer mehr untergehen.

Es trifft die Familien, die schon vor dem Lockdown mit nur einem Gehalt auskommen mussten und nun ganz ohne Gehalt dastehen; oder jene Familien, die eine Person mit einer Behinderung betreuen. Wo vorher freundliche Nachfragen und Höflichkeitsfloskeln zu hören waren, herrscht nun Stille. Man ist so sehr mit den eigenen Sorgen beschäftigt, dass man vergisst, wie viele Menschen tagtäglich mit weitaus schlimmeren Problemen zu kämpfen haben.

Außerdem trifft der tägliche Covid-Lagebericht junge Menschen besonders hart, vor allem solche in prekären Beschäftigungsverhältnissen und junge Freiberufler, die sich gerade erst selbständig gemacht haben. Es sind ungewisse Zeiten – vielen von ihnen wurde der Arbeitsvertrag gekündigt, die bevorstehende Einstellung verschoben oder das Gehalt gekürzt.

Die Verfehlungen des Lockdowns

Und so bringt Vittorio, ein Unbekannter für die Leser aber eine vertraute Gestalt für die Menschen aus Pavia, seine Mitmenschen zum Innezuhalten und Nachdenken. Denn er bestätigt eine der wenigen Gewissheiten, die aus diesen düsteren Zeiten hervorgegangen sind: Es ist nicht alles gut gegangen. Zumindest nicht für jedermann. Nur dem Anschein nach sind alle gleich, denn in Wirklichkeit tanzen einige Walzer im großen Ballsaal eines Ozeandampfers während andere sich an Deck des Schiffes an der Reling festklammern und nur den Nachklang der weit entfernten Musik erhaschen.

In diesem verlogenen Tanz kommt jede verkaufte Packung Psychopharmaka einer Niederlage für den Staat gleich, zumal sich der Staat in voller Selbstüberzeugung für Bürgerrechte und Solidarität, Akzeptanz und Toleranz, Fortschritt und Selbstbestimmung rühmt.

Die gesellschaftliche Krise im Herbst

Folgende Nachricht kann man nicht zurückhalten: Falls Italien nicht umkehrt und erneut die Menschenwürde in den Mittelpunkt stellt, wird das Land in eine gesellschaftliche Krise geraten. Italien wird sich im Auge des Sturms wiederfinden, wenn es als Antwort auf Zukunftsängste Todespillen an Frauen verabreicht. Wir haben Schlaftabletten aber auch eine Tablette zur Beruhigung unserer Ängste, eine Abtreibungspille, ein Medikament, um unser Gewissen zum Schweigen zu bringen und sogar eine Pille für Maskenverweigerer: die perfekte Rezeptur für einen entmenschlichten Menschen, jener inneren Stimme beraubt, die ihn so unberechenbar, ja manchmal sogar unergründlich, doch stets frei macht. Eine Rezeptur mit schweren Nebenwirkungen.

Vittorio gibt uns die Lösung preis, indem er seine Augen gen Himmel erhebt – gleich einem Seemann, der ganz selbstverständlich den Blick auf den Sternenhimmel richtet, bevor er in See sticht. Ein Kurswechsel ist nötig hin zur Verteidigung des Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod, hin zur Förderung der Familie als Grundbaustein der Gesellschaft, hin zur Wahrung der Religionsfreiheit als Antrieb auf der Suche nach Wahrheit. Unter Vittorios Unterschrift ist noch Platz und, wenn wir wollen, können wir unseren eigenen Namen darunter setzen.

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