Gender-Ideologie geht auf Marx und Freud zurück

Nach revolutionärem Verständnis ist die auf der Ehe beruhende Familie gleichbedeutend mit Unterdrückung des Begehrens

Marx e Freud

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„Anscheinend“ ist die westliche Zivilisation ein System, in welchem die Kultur aufgehört hat, kritische oder werteorientierte Gedanken gegenüber der Gesellschaft auszudrücken: alles wird in das Produktions- und Konsumsystem eingegliedert und davon aufgesaugt. Dies ist die Kurzversion einer These, die der deutsche Philosoph Herbert Marcuse (1898-1979), der freudianischste aller Marxisten, vor fast siebzig Jahren aufstellte.

Nach dem Ende des „Kalten Krieges“ (1947-1991) scheinen nur zwei Konzepte diese These zu widerlegen: der als „Religion“ empfundene Ökologismus und die anthropologische Umwälzung, die auf der Umdeutung und Leugnung der männlichen und weiblichen Geschlechtsidentität beruht. Nun hat dieses zweite Konzept seit 1968 einen „ideologischen Kompromiss“ unter Einbezug einiger Aspekte der marxistischen Kritik des Westens hervorgebracht, der zur Grundlage der aktuellen Phase der Revolution angewachsen ist; die Realisierung dieser Revolution wird von den „Gender-Theorien“ angestrebt. Allerdings könnte diesem Ansatz eine verzerrte Vorstellung von Familie und Autorität zugrunde liegen.

Die Familie als Selbstkasteiung sexuellen Begehrens

Im 19. und 20. Jahrhundert richtete die marxistische Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft und an gewissen (vermeintlichen) Machtstrukturen ihr Hauptaugenmerk auf die Familie.

Schon vor dem Aufkommen der Gender-Ideologie wurde die natürliche Familie als zeitgenössischer Ausdruck der Fortführung eines absolutistischen „ancien régime“ in Frage gestellt, in dessen Mittelpunkt der (in seinem ökonomischen Aspekt als „bürgerlich“ definierte) „Patriarch“ stand. Die Familie und die Rolle des Vaters werden so zum Prototyp aller, sowohl der natürlichen als auch der sozialen, Gesetze. Der Schlüssel zu diesem ideologischen Wandel von der Sozial- zur Familienkritik liegt in der Verknüpfung von westlicher marxistischer Tradition mit den Schlussfolgerungen des österreichischen Begründers der Psychoanalyse, Sigmund Freud (1856-1939). Genau dort setzt Marcuse in seinen Ausführungen an.

Die theoretische Annahme, die gesamte Entwicklung der menschlichen Zivilisationen als Ergebnis einer doppelten Schichtung zu betrachten, ist nämlich psychoanalytischen Ursprungs: soziale Schichtung aufgrund unbewusster Solidaritätsgefühle und religiöse Schichtung aufgrund verdrängter Traumata, die auf atavistische Familienbeziehungen zurückzuführen sind.

Mit anderen Worten, Freud greift die Hypothese des englischen Philosophen Thomas Hobbes (1588-1679) über die Entstehung des Staates wieder auf: eine philosophisch-politische Theorie, der zufolge die Menschen einen – notwendigen und logischen – Gesellschaftsvertrag abschließen, um aus dem Zustand der Feindseligkeit und der Angst herauszukommen, in den sie ansonsten von Natur aus verstrickt wären. Dabei ordnen sie die persönlichen Freiheiten dem Selbsterhaltungstrieb unter. Im Hobbes’schen Modell unterwerfen sich die Menschen also freiwillig der absoluten Zwangsgewalt des Leviathans.

Freud übernimmt dieses Modell und nimmt zwei Änderungen vor: Er interpretiert die natürliche Begierde, aus der sich Feindschaft und Konflikt ergeben, in rein sexueller Lesart. Zudem bewertet er den Verzicht auf persönliche Freiheiten, der zum Erlangen einer moralischen und juristischen (sozialen und politischen) Befriedung betrieben wird, als nicht rational, sondern unbewusst. Die Familie ist demnach nichts anderes als die kodifizierte Form sexueller Macht, die der Mann nur über eine Frau ausübt, mit der er ohnehin nicht verwandt ist.

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Es gibt jedoch noch eine zweite, noch tiefer verborgene Ebene. So soll aus der Wiederaufnahme von Familienkonflikten zwischen Kindern und der absoluten Autorität, die der Vater im vorgesellschaftlichen Zustand ausübt, die Religion hervorgegangen sein. Nach Freud war die Entstehung der primitiven Gesellschaften in der Tat eine Folge und Alternative zu einer jahrhundertealten Stammesorganisation. Innerhalb einer bestimmten Menschengruppe, so Freud in seinem Aufsatz „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ von 1939, besaß ein einzelner Mann sowohl sexuelle Macht über alle Frauen als auch tiefe Feindseligkeit gegenüber anderen Männern, seinen eigenen Kindern mit inbegriffen. Das Schicksal der Söhne bestand also entweder im Tod oder in der sozialen Ausgrenzung. Letztere habe dann Rachegefühle dem Vater gegenüber hervorgerufen und anschließend, nach der Tötung des Vaters, zu einer nachahmenden Wiederholung der absoluten sexuellen Machterfüllung geführt, die der Vater zuvor über die Frauen in der Gruppe ausgeübt hatte: so sei es immer weiter gegangen bis hin zur langsamen Entwicklung von Solidaritätsgefühlen, die schließlich zur unbewussten Aufgabe des absoluten sexuellen Anspruchs der Männer über die Frauen geführt habe.

Auf diese Weise erklärt der Freudismus die Entstehung der Familie und der Gesellschaft als eine Maßnahme der sexuellen Selbstkontrolle und Befriedung, die als „Tod des Vaters“ und als kollektive Aufgabe der Sexualität vollzogen wurde. Religion, von der totemistischen Religion bis zum Monotheismus, sei somit nichts anderes als die unbewusste Wiedervorlage eines verdrängten Traumas: Die emotionale Mischung aus Hass/Bewunderung/Neid/Ehrfurcht der Söhne gegenüber der Machtrolle des Vaters habe einen Zyklus von „kannibalischem Vatermord“ und der Wiederholung der Vaterrolle durch den dominanten Sohn bedingt. Und all dies habe sich fortgesetzt bis zum Aufkommen der wesentlichen und totalitären Form der Unterdrückung und der Kastration des Begehrens, sprich, der auf Ehe basierenden Familie und der sie begleitenden religiösen Auffassung.

Demzufolge haben die sexuelle Revolution und die damit verbundenen Gender-Theorien das Ziel, jede Form von Autorität, Gesetz, sozialer Ordnung und Familienstruktur zu dekonstruieren, da diese repressiv sind, um schließlich auf anarchische und grenzenlose Weise das ursprüngliche sexuelle Begehren wiederzuerlangen und dieses in einer neuen kollektiven, demokratischen und toleranten Harmonie zu verwirklichen.

Die Konsequenz daraus wäre, dass diejenigen, die sich dem Diktat dieser freudianisch-marxistischen ideologischen Rekonstruktion nicht fügen, als „Feinde des Volkes“ gebrandmarkt werden.

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